14.03.2017

War es wieder stressig im Job?

Hand aufs Herz, wann hast du zum letzten Mal über Stress im Job geklagt? Sehr wahrscheinlich gestern oder heute - so wie die meisten Arbeitnehmer. Allerdings sind Faktoren wie eine zu hohe Arbeitsbelastung, zahlreiche Überstunden oder die vielzitierte ständige Erreichbarkeit dabei nur eine Seite der Medaille. Stress im Job machen wir uns oft auch selbst. Durch einen Perspektivenwechsel auf Arbeit und Karriere können wir oft zumindest unsere subjektiv gefühlte Belastung reduzieren.

Stress - das Leiden an der Digitalisierung

Im Jahr 2012 stellte der Luzerner Historiker und Soziologe Dr. Patrick Kury in seinem Buch "Der überforderte Mensch" eine interessante These auf. Demnach sind Stress - und Burnout als eine mögliche Folge von permanentem negativem Stress - nicht nur ein individuelles Phänomen, sondern eine kulturelle Reaktion auf Veränderungen in der Arbeitswelt. Es handelt sich dabei um Begriffe, deren Bedeutung offen ist. Daher können Menschen sie verwenden, um ihr Unbehagen an bestimmten Lebensbedingungen zu artikulieren und damit gleichzeitig zu Akteuren in einer gesellschaftlichen Debatte werden, die seit den 1970er Jahren in den Industriegesellschaften immer grösseren Raum gewonnen hat.

Den Begriff Stress prägten Mediziner und Psychologen während des Zweiten Weltkriegs, um die psychischen Folgen von traumatisierenden Kriegserfahrungen zu beschreiben. In den allgemeinen Sprachgebrauch fand er erst in den 1970er und 1980er Jahren Eingang. Seitdem wird Stress gedanklich vor allem mit beruflichen Belastungen verbunden. Dabei geht es jedoch keineswegs nur um den individuellen Job, sondern um das subjektive Leiden an Veränderungen in der Arbeitswelt, die aus Digitalisierung und Globalisierung resultieren.

Stress im Job - ein Kriterium für Leistung?

Die meisten Arbeitnehmer agieren heute in einem extrem dynamischen Umfeld. Um ihre persönliche Karriereplanung zu verwirklichen, müssen sie nicht nur ihre fachlichen Qualifikationen, sondern auch ihre Soft Skills - also ihre beruflich relevanten Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften - permanent entwickeln. Auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind Mitarbeiter, die mit Fähigkeiten wie Teamgeist, hoher Leistungsmotivation und Durchsetzungsvermögen überzeugen.

Ideal für Arbeitgeber ist, wenn sie den Anforderungen des Unternehmens und ihrer persönlichen Karriereplanung alle anderen Lebensbereiche unterordnen. Stress ist dabei durchaus zu einem Leistungskriterium geworden. Wer gestresst ist, beweist sich und anderen, dass er zu den Leistungsträgern in der Firma zählt. Mitarbeiter, die an ihrem Arbeitsplatz entspannt agieren und womöglich noch pünktlich um 17 Uhr nach Hause gehen, machen dagegen "überdeutlich", dass ihnen ihre Karriere nicht besonders wichtig ist.

Zu wenig Toleranz gegenüber Subjektivität am Arbeitsplatz

Theo Wehner - Professor Emeritus für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich - meint in diesem Kontext, dass wir der Subjektivität am Arbeitsplatz zu wenig Toleranz entgegenbringen. Menschen bringen zwangsläufig auch ihre Persönlichkeit und ihre subjektiven Empfindungen mit in den Job. Aus Sicht der Unternehmen, von Vorgesetzen und Kollegen, sollten Subjektivität dort jedoch nur dann eine Rolle spielen, wenn sie möglichst unmittelbar den Unternehmenszielen nützt.

Hieraus ergeben sich in mehreren Dimensionen Diskrepanzen. Beispielsweise gewinnen bei Neueinstellungen und Beförderungen die Soft Skills immer stärkeres Gewicht. Mitarbeiter sollen sich ganzheitlich für ihre Firma engagieren, auch ihre persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften werden als Produktivitätsfaktor angesehen. Viele Berufstätige leiten daraus das Recht - und die Pflicht - zur beruflichen Selbstverwirklichung ab, auch ihre Jobsuche richten sie vor allem daran aus. Dass Selbstverwirklichung innerhalb vorgegebener Strukturen, Arbeitsinhalte und Prozesse oft ein Mythos bleibt, wird in der Regel nicht gesehen. Wehner schreibt, das viele Arbeitnehmer statt Selbstverwirklichung eine "interessierte Selbstschädigung" betreiben, indem sie beispielsweise meinen, dass permanente Mehrarbeit in ihrem eigenen Interesse liegt und (hoffentlich) ihrer persönlichen Karriere nützt.

Im Hintergrund wirkt sich aus Wehners Sicht hier auch die starke Ich-Bezogenheit der heutigen Gesellschaft aus, die mit den wachsenden Wir-Anforderungen moderner Arbeitsprozesse kollidiert. Die Erfordernisse der Unternehmen führen damit zumindest der Tendenz nach auch den postulierten Anspruch auf Selbstverwirklichung ad absurdum.

Welche Bedingungen sind dir im Job besonders wichtig?

Im ungünstigsten Fall resultiert aus dieser Konstellation ein permanenter Konflikt zwischen objektiven Anforderungen am Arbeitsplatz und subjektiven Erwartungen an die eigene Performance. Hiermit ist Stress verbunden, der über die realen Belastungen im Job hinausgeht und Fragen nach dem Sinn der eigenen Arbeit einschließt.

Falls du dich mit deiner Befindlichkeit in dieser oder einer ähnlichen Beschreibung wiederfindest, gibt es zwei Möglichkeiten: Unzufriedenheit und das Leben mit einer negativen Stressspirale oder die Suche nach Lösungen, die für dich persönlich passen. Dafür musst du nicht nur deine «formalen» Karriereziele kennen, sondern auch wissen, was dir in deinem Arbeitsumfeld besonders wichtig ist. Geht es dir um spannende Arbeitsinhalte, ein hohes Gehalt und gute Aufstiegschancen? Wünschst du dir vor allem eine ausgeglichene Work-Life-Balance? Bist du am zufriedensten und produktivsten, wenn du im Job auf möglichst grosse Unabhängigkeit oder ein kollegiales Umfeld zählen kannst? Mit diesem Wissen stellst du schon bei der Jobsuche die Weichen dafür, dass du mit deiner Arbeit langfristig zufrieden bist und nicht dauerhaft mit Stress zu kämpfen hast.